geschrieben im Herbst 2002
Ich, Siegfried Klein, erblickte am 27. August 1934 in einer Privatklinik von Herrn Dr. Drews in Wuppertal-Barmen als Sturzgeburt das Licht der Welt.
Da mein Geburtsgewicht gerade mal 1500 Gramm betrug, musste ich noch ein halbes Jahr im Krankenhaus versorgt werden, bis ich dann mit einem Gewicht von 10,5 kg zu meinen Eltern nach Hause konnte. Ich muss wohl ein zartes Kind gewesen sein, weil ich schon als Zweijähriger mit einer schweren Bronchitis wieder ins Krankenhaus musste. Dort stellte man dann bei mir eine Spastik fest und führte diese auf meine Sturzgeburt zurück. Diese Spastik fesselte mich dann an den Rollstuhl. Ein selbständiges Gehen war nicht möglich.
Mit fünf Jahren erlitt ich eine Hirnhautentzündung mit epidemischer Genickstarre, war 8 Tage im Koma und man versorgte mich auf der Intensivstation.
Meine Eltern sorgten dafür, dass ich mit acht Jahren Privatunterricht bekam, um so schulisch gebildet zu werden. Zwei mal in der Woche wurde ich zu Hause unterrichtet.
Als Wuppertal 1943 bombardiert wurde und auch unsere Wohnung zerstört war, ich war noch keine 9 Jahre alt, mussten wir evakuiert werden. Wir lernten das schöne Tabachts im Thüringer Wald kennen. Nach zwei Jahren, der Krieg war zu Ende, kehrten wir am 7. Juni 1945 nach Wuppertal zurück. Es war eine anstrengende Fahrt. Zwei Tage waren wir auf einem Holzgaslastwagen unterwegs.
Als 12jähriger kam ich wiedermal ins Krankenhaus. Nach einer Sehnenstreckung in den Beinen konnte ich dann mit Hilfe von Schienen zum ersten Mal laufen. Nach einem weiteren Jahr erhielt ich einen Streckverband, um die Sehnen noch ein wenig zu dehnen. Nach diesen Behandlungen musste ich jährlich zu einer so genannten „Krüppelstunde“. Dort stellten die Ärzte die Anzahl und Schwere der Behinderung fest. 1956 erkannten die Ärzte, dass ich wohl niemals ohne Schienen laufen könne und mein Leben im Rollstuhl bleiben würde. Eine eventuelle Weiterbehandlung wäre zu teuer geworden.
In all den Jahren versorgte mich meine Mutter aufopfernd, trotz ihrer eigenen gesundheitlichen Schwäche. Wenn sie wieder einmal, was öfter vorkam, ins Krankenhaus musste, versorgten meine Tanten mich treu. Mutters Aufgabe, mich zu versorgen, hielt sie immer wieder hoch und lies sie ihre eigenen Beschwerden hinten anstellen.
Mein Wunsch, konfirmiert zu werden, wurde von meinen Eltern unterstützt und so fand ich den Weg mit Jesus zu gehen. Mit 16 Jahren fand meine Konfirmation statt.
Im CVJM Adlerbrücke fühlte ich mich wohl und fand dort viele Freunde. Vor allem die Freundschaft mit Gerd Jellissen und seiner Familie, sie besteht nun schon 45 Jahre.
Kurz nach der Gründung des CBF (Club Behinderter und ihrer Freunde), lernte ich diesen Kreis kennen und fühlte ich mich schon bald dort wie zu Hause. Auch meine Mutter ging sehr gerne mit dorthin. Wir freuten uns immer auf den Mittwoch und auch Samstags war einiges los.
Dort lernte ich dann meine spätere Frau, meine Helga kennen. Sie war mir durch ihr helles Lachen positiv aufgefallen. Helga war selbst Spastikerin, jedoch ein ganz fröhliches Menschenkind. Auch meine Mutter hatte Helga gerne, sie meinte, mit ihr bist du auf einem guten Weg.
Meine Mutter hat bis zu ihrem Tod im Jahre 1982 mich treu versorgt, Vater war schon vier Jahre vorher gestorben.
Zu meiner Betreuung war in all den Jahren die evangelische Altenhilfe Wichlinghausen mir und meiner Mutter eine große Stütze.
Am 10. September 1982 heiratete ich meine Helga. Es gab ein großes Fest mit vielen Gästen in den Räumen der Christus-Kirche. Wir zogen in eine behindertengerechte Neubau-Wohnung am Berliner Platz in Wuppertal-Barmen.
Als ich dann im nächsten Jahr mit offenen Zehen ins Krankenhaus musste, stellte man bei mir Diabetes mellitus Typ II fest. Auch hiermit lernten wir umzugehen. Vier Jahre später lag ich mehrere Monate aufgrund einer Pankreatitis wieder im Krankenhaus. In dieser Zeit entfernte man mir operativ 50 Gallensteine. Auch 1990 verlebte ich drei Monate im Krankenhaus wegen einer Wasseransammlung in der Bauchspeicheldrüse.
Da ich mich sportlich mit einem Trainingsgerät zur Stärkung der Armmuskulatur betätigte, riss mir das Zwerchfell. Die Folge war wieder ein Krankenhausaufenthalt.
Meinen Humor und meine Lust am Leben habe ich in all den Jahren nicht verloren. Daran haben meine Frau, meine Freunde vom CBF und die vom CVJM, besonders die Treue von meinem Freund Gerd Jellissen beigetragen. Nicht zuletzt mein Glaube an unseren treuen Vater im Himmel, an Jesus Christus, meinen Heiland.
Als im Jahre 1996 meine geliebte Frau mich verließ, war ich sehr traurig. Noch heute habe ich ihren Tod nicht überwunden und weine um die wunderschöne Zeit, die wir gemeinsam hatten. Doch weiß ich sie bei unserem Herrn im Himmel gut aufgehoben.
Mit meiner Frau zusammen fuhr ich manches Jahr für zwei Wochen ins schöne Ferienheim in Holzhausen zu einer Behinderten-Besinnungs-Freizeit. Jetzt fahre ich alleine mit und erlebe dort eine wunderschöne Gemeinschaft.
Ebenso möchte ich die wöchentlichen Treffen im CBF, wohin man mich jedes Mal abholt, nicht missen.
So fühle ich mich trotz meiner Behinderung nicht einsam und bin dankbar für alle Zuwendung.
Siegfried Klein (Beitrag vom 17.01.2003)